Nicht nur Nando haben die letzten Wochen eine Menge abverlangt und Kraft gekostet. Auch uns – Madlen und Ralf – hat es so ziemlich alles abverlangt.
Die Kraft für Nando zu kämpfen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche – auf ihn aufpassen und für ihn da zu sein. Mehrmals täglich die Wunden versorgen, mit ihm regelmäßig zum Tierarzt und in die Klinik. Das zehrt an der Substanz.
Mittlerweile gehen wir wirklich auf dem Zahnfleisch. Es ist schon Wochen her, dass wir richtig geschlafen haben. Immer ein Ohr bei Nando – um sicher zu sein, dass er nicht doch irgendwie an die Wunde kommt.
Und dann waren da auch immer die Sorgen und Ängste im Kopf. Wird er überhaupt überleben? Wird er sein Beinchen behalten können? Kommt es vielleicht doch wieder zu Komplikationen? Bekommen wir die Infektion in den Griff? Das hat uns
wirklich zermürbt.
Immer wieder kreist die Frage im Kopf „WARUM“? Was hat der kleine Kerl getan, dass er sowas verdient hat? Weiß der Täter eigentlich was er Nando und uns damit angetan hat? Das schlimmste ist eigentlich, dass wir wahrscheinlich niemals Antworten auf diese Fragen bekommen werden. Und das nagt innerlich so sehr an uns…
Wir wohnen ja erst seit einem halben Jahr in Lüben, haben uns gerade das Haus schön hergerichtet und haben uns drauf gefreut, im Sommer den Garten neu zu gestalten. Und dann kam diese eine besagte Nacht – und die sollte unser Leben komplett auf den Kopf stellen. Es dreht sich alles nur noch um Nando, um ihm seinen Leidensweg so angenehm wie möglich zu gestalten, ihm Kraft zu geben, einfach für ihn da zu sein. Ihn zu versorgen.
Manchmal fragen wir uns, ob ein Außenstehender diese seelischen Belastungen überhaupt nachvollziehen kann?
Uns blutet das Herz, wenn Nando miauend am Fenster sitzt und so gerne raus in die Sonne möchte und einfach ein bisschen im Garten spielen. Man kann es ihm einfach nicht erklären, dass er diesen doofen Halskragen tragen muss und eben nicht spielen, nicht springen und toben darf – und das noch über mehrere Wochen.
Ganz schlimm waren auch die Gedanken ganz am Anfang, als die Wunde immer wieder aufgeplatzt ist und er wieder und wieder operiert werden musste. Wir dachten uns manchmal „Hätte der Schütze nicht einfach richtig treffen können?!“. Es war erschreckend. Aber zum Glück haben wir dann in Nando’s Augen geschaut und wir waren so unendlich dankbar, dass er noch bei uns war. Seine Augen haben niemals gesagt, ich gebe auf. Aufgeben war für ihn – und auch für uns – niemals eine Option.
Jeder kleine Schritt und war er noch so klein, hat uns wieder Kraft gegeben und uns angetrieben. Wir sind auf einem guten Weg, aber der Weg ist noch weit, sehr weit – aber wir werden ihn gemeinsam gehen.
In den letzten Woche haben wir viel gelernt – viel gelernt über die Menschen, über Waffen und Projektile und auch über uns. Wir haben viel Unterstützung erfahren dürfen, uns wurde auch viel Empathie entgegengebracht. Doch leider ist es wie immer: Ein zweischneidiges Schwert und es gibt eben nicht nur schwarz und weiß. Wir haben unsere Erfahrungen gemacht – positiv und negativ.